Emil hat geschrieben:Wenn ich das alles hier so lese, dann kommt mir die Erinnerung an frühe Urlaubsjahre
in unserer Region zurück.
Ich denke das war so um 1975 oder etwas später, wo ich vollig ahnungslos an verunstalteten
Ortsschildern vorbeifuhr, auf denen wilde Sprüher eigenmächtig Namenänderungen
vorgenommen hatten:
"Alfaz del Pi", stand da auf dem Ortsschild, wo wir damals wohnten, und mit schwarzer Farbe
"L’Alfàs del Pi" darüber gesprüht.
[...]
Zum Verständnis, warum die Spanier in unserer Region so vehement ihr Valenciano verteidigen, braucht man entsprechendes (geschichtliches) Hintergrundwissen, mit dem eigentlich alle Fragen in dieser Richtung beantwortet werden können.
Wer nach Spanien in den Urlaub reist und in die Provinz Alicante kommt, rechnet kaum damit, dass hier Zweisprachigkeit herrscht. Diese Zweisprachigkeit ist keinesfalls historisch gewachsen, sondern wurde den Menschen während der Franco-Zeit aufoktroyiert. Auch wenn das Valenciano von vielen abfällig als „Bauernsprache“ bezeichnet wird, so ist das nur ein Teil der Wahrheit. In dieser Region wurde früher ausschließlich Valenciano gesprochen. Nur der Adel (die Lehnsherren), also die dünne Oberschicht, sprach Hochspanisch untereinander. Mit „früher“ meine ich
VOR 1609, also bevor der Exodus der Mauren bzw. Morisken begann. Danach brauchte das Land, bzw. die Großgrundbesitzer, denen die Einnahmen durch die Vertreibung der Mauren wegbrachen, Siedler aus dem Norden zur Bewirtschaftung ihrer brachliegenden Felder. Diese brachten, sofern sie nicht aus dem katalanischen Sprachraum (Katalonien oder Balearen) kamen, ihre kastilische Heimatsprache mit. Die
Spanisch sprechenden Neusiedler ließen sich vor allen Dingen in der Vega Baja del Segura (mit Ausnahme von Guardamar) und einigen Orten im Tal von Vinalopó (Aspe, Elda, Monforte del Cid, Salinas, Sax und Villena) nieder. Das ist der Grund dafür, warum nur dort heutzutage vorwiegend Spanisch gesprochen wird, während in allen übrigen Ortschaften der Provinz Valenciano vorherrscht.
Obwohl das Kastilische neben dem Valencianischen offiziell gleichberechtigt ist, bevorzugt die alicantiner Bevölkerung
ihr Valenciano. Keinesfalls sind es nur die Bauern, sondern genauso gut die gebildeten, studierten Kreise, die mit großem Nationalstolz ihre eigene Sprache sprechen. Das Valenciano (das von Außenstehenden als Dialekt des Katalanischen gesehen wird) gehört zu ihrer Identität und war unter Franco verboten. Logischerweise ist es bei vielen Valencianos der älteren Generation (die meistens nur eine kurze Schuldbildung genießen konnten) deshalb mit der Orthografie nicht allzu weit her, denn Franco herrschte von 1936 bis 1977. 41 lange Jahre wurde die valencianische Sprache unterdrückt und nicht gelehrt. In den gebirgigen, unzugänglicheren Landkreisen wie Hoya de Alcoy, El Comtat und im Hinterland der Marina Alta konnte diese Sprache bewahrt werden. Erst nach Francos Tod durfte Valenciano wieder an den Schulen gelehrt werden, für die Einheimischen musste das nach den vielen Jahren der Unterdrückung eine Genugtuung gewesen sein, die sie auch heute noch mit großem Stolz erfüllt.
Natürlich wäre es für uns Ausländer sehr viel einfacher, nur Spanisch lernen zu müssen (eine Sprache, die übrigens jeder Valenciano spricht und versteht), aber wer das Herz der Menschen hier erreichen will, der sollte sich bemühen und wenigstens ein paar Brocken Valenciano lernen.
Auf der anderen Seite ist es natürlich extrem geschäftsschädigend, die Touristen an den Küsten mit Valenciano zu konfrontieren. Wenn rein spanische Ortsschilder und Hinweistafeln mit Valenciano übersprüht werden, ist das mehr als engstirnig, denn der Tourismus ist ein starkes Standbein der hiesigen Wirtschaft, auch wenn nur 10 bis 12 Prozent der Bevölkerung dadurch Geld verdient.
Ich kann mir vorstellen, die hiesigen Einheimischen werden nicht gerade glücklich über die Ausländer sein, die sich an ihren Küsten breit machen, auch wenn mir das noch niemand ins Gesicht gesagt hat. Doch offen gezeigter Fremdenfeindlichkeit (in dem Maße wie in Deutschland) bin ich hier noch nicht begegnet. Es gibt jedoch Einheimische, die sich bewusst abgrenzen, indem sie untereinander Valenciano sprechen, das nur von wenigen Ausländern beherrscht wird. Integration beginnt mit dem Erlernen der einheimischen Sprache. Ausländer, die ständig hier leben, sollten sich wenigstens bemühen, ein wenig Valenciano zu verstehen, auch wenn sie es nicht sprechen können.
Emil hat geschrieben:[...]Andere Orte wurden geradezu in einem Wildwuchs verlängert. So zum Beispiel "Benitachell"
in "El Poble Nou de Benitatxell" oder "Torremanzanas" in "La Torre de les Maçanes".
Dieser "Wildwuchs" ist keiner und lässt sich einfach erklären.
Beispiel
Benitachell
- Mauren prägten die Region bis zu der Eroberung im Jahr 1244 durch Jaime I. Benitachell war damals ein Handelsplatz der Araber, nach der Eroberung mussten ihre alquerías "Abiar" und "Benitagell" aufgeben. Nach ihrer Vertreibung wurden Christen aus Mallorca auf dem Gemeindegebiet angesiedelt, das früher unter der Herrschaft von Dénia stand.
1698 wurde Benitachell selbständig und nennt sich seitdem „El Poble Nou de Benitachell“, das neue Dorf von Benitachell (auf Valenciano und offiziell).
"La Torre de les Maçanes" ist nur die valencianische Schreibweise von
Torremanzanas. Die Übersetzung lautet in beiden Fällen schlicht: Der Turm von Manzanes. Geschichtlicher Hintergrund:
- Torremanzanas wurde zwischen dem 12. bis 13. Jahrhundert von Arabern gegründet, die an seiner höchsten Stelle einen Almohaden-Turm errichteten.Als "Casa Alta" wird der Verteidigungsturm aus der Almohandenzeit bezeichnet, der an der höchsten Stelle der Ortschaft steht. Er stammt aus dem 12. Jahrhundert und wird von der Bevölkerung wegen seiner Lage und Größe auch „El Castell“, das Schloss genannt. Der Turm wurde in Stampflehmbauweise (Tapial) errichtet. Nach der Reconquista verlor er seine Verteidigungsfunktion und wurde zum herrschaftlichen Sitz umgewandelt, seitdem viele Male verändert und renoviert.
Für heute soll's reichen mit der Geschichte...

- gute Nacht.