Religiöses Zusammenleben im mittelalterlichen Al-Andalus

von den Iberern bis zur Neuzeit
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Atze
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Re: Religiöses Zusammenleben im mittelalterlichen Al-Andalus

Beitrag von Atze »

Weiter geht es hier mit dem Gebiet, aus dem die muslimischen Eroberer kamen: Nordafrika war ja erst seit wenigen Jahrzehnten islamisch.
(Ich sehe immer mehr, dass es noch etwas dauert, bis ich zum eigentlichen Thema komme, meine jedoch, dass auch die Vorentwicklung wichtig ist).
Im Altertum wurde dieses Gebiet „Numidien“ genannt- mit Ausnahme vom heutigen Tunesien, das von den Römern als „Afrika“ bezeichnet wurde, was unter dem Islam „Ifriqua“ wurde. Für die Araber hieß dieses Nordafrika der „Maghreb“= Westen.

Hauptsächlich lebten dort damals wie heute Berber, an den Küsten hatten sich Phönizier in Hafenstädten angesiedelt. Die hatten wenig Interesse, ihr Hinterland zu beherrschen. Als Händler war die Hafenstadt als Stützpunkt am wichtigsten. Als Soldaten zum Schutz ihrer Städte dienten meist Söldner aus der Umgebung. Hannibal z.B. hatte eine fast reine Söldnerarmee.

Vor dem Siegeszug des Islam war der Maghreb schon früh zunehmend christlich, wobei sich dort, wie auch in der übrigen Christenheit, viele Strömungen bildeten. Zur Zeit des Augustinus der dort um 400 n.Chr. wirkte (seine Mutter – Monika – soll eine Berberin gewesen sein) waren es u.a. besonders die Donatisten, die besonders rigide christliche Tugenden auch mit Gewalt durchsetzten und die Augustinus wortstark bekämpfte.

Erstaunlich ist, dass es die Hauptdarsteller unseres Themas – die Muslims – erst seit Kurzem gab. ( Nach dem Islam war allerdings schon Adam der erste Muslim, von dem herausragenden Jesus, der immerhin der zweitwichtigste Prophet war, zu schweigen).
Mohammed wurde um das Jahr 570 in Mekka geboren, 622 erfolgte die bekannte Flucht nach Medina, 632 v. Chr. starb er. Um seine irdische Nachfolge kam es ab dem 4. Kalifen (Kalif = Nachfolger, Stellvertreter) nach 661 zu größeren Streitereien, bei denen auch im westlichen Bereich die Schiiten zunächst noch eine größere Rolle spielten, - später und in unserer Zeit bildeten dort die Schiiten eine Minderheit.
Es waren dann die Omayaden (die Sippe, aus der auch Mohammed stammte), die nach kriegerischen Erfolgen im Norden und Osten sich auch dem Westen zuwendeten. Da lag zunächst Ägypten, das nach der Eroberung durch Alexander und die Römer hellenistisch – jüdisch – christlich war und auch noch lange blieb. (Prinzipiell bildeten die mehr verstädterten Ägypter und die mehr nomadischen Araber einen Gegensatz, der trotz gemeinsamen Glaubens bis heute bemerkbar ist).
In zähen Kleinkämpfen unterwarfen die arabischen Omayaden den Maghreb. Einer aus ihrer Familie – Musa ibn Nusayr wurde Gouverneur im heutigen Tunis (Ifriqua). Ein Truppenführer von ihm– der Berber Tariq ibn Ziyad – lernte rasch bei mehreren Raubzügen, dass zumindest die spanische Küste sehr leicht geplündert werden konnte. Spanien war durch Kämpfe der dünnen westgotischen Oberschicht untereinander und über eine teils christliche, teils noch heidnische Bevölkerung instabil, in den östlichen Küstenstädten hatte eher Byzanz die Macht. So setzte Tariq mit 7000 + später weiteren 5000 Mann, an der engsten Stelle nach Spanien über, (der Felsen dort wurde danach Dschebel al Tariq → Gibraltar genannt) und schlug im Juli 711 das westgotische Heer unter Roderich am Rio Guadelete, eroberte dann (eigentlich gegen die Anweisung seines Chefs Musa) Cordoba, Malaga und Toledo (die Hauptstadt des westgotischen Reiches). Als Musa sah, dass in Spanien reiche Beute winkte, beteiligte er sich ab 712 mit einem weiteren Heer von 12.000 Mann an der Eroberung und nahmen fast ganz Spanien bis Saragossa und Navarra ein. Die wenigen Westgoten hatten meist nur Söldner unter sich, die oft die Seiten wechselten.
Geschichtlich nicht völlig gesichert ist die Erzählung, dass Julian, ein byzantinischer Statthalter von Ceuta, die Berber regelrecht nach Spanien einlud, um sich wegen der Vergewaltigung seiner Tochter durch den letzten Westgotenkönig Roderich an diesem zu rächen.
714 wurden Tariq und Musa nach Damaskus gerufen, da sie ihre Befehle überschritten ( und wohl zu viel von den geraubten Schätzen für sich abgezweigt) hatten und fielen in Ungnade.

749 putschte ein über Abbas, einem Onkel Muhammeds mit diesem ebenfalls verwandter Stamm gegen die Omayaden und brachte diese bei einem Bankett in Palästina fast vollständig um. Die „Abbasiden“ verlegten ihren Sitz von Damaskus nach Bagdad, das sie prunkvoll ausbauten. Der letzte Abbaside wurde im „Mongolensturm“ 1258 getötet. Der aus „1001 Nacht“ berühmte Harun al Raschid, der auch mit Karl dem Großen korrespondierte, war auch ein Abbaside.,.

Ein Omayadenprinz – Abd ar Rahman I. - konnte jedoch dem Gemetzel von 749 entkommen. Er schaffte es in den Maghreb bis zu seiner Berber-Mutter, setzte von dort aus mit einer Gefolgschaft 756 nach Spanien über und vertrieb den Statthalter von Cordoba (die Omayaden hatten dort noch eine Art Hausmacht).
Er gründete das Emirat von Cordoba, das ein Nachfolger ab 929 zum Kalifat erhob.
Emir = (weltlicher) Fürst, Kalif = weltlicher und zugleich religiöser Führer in der Nachfolgeschaft Mohammeds.
Nach diesem überaus langem (aber imho notwendigen) Vorspiel mit Abschweifungen kommen wir demnächst und endlich zu den in Spanien etablierten muslimischen Herrscherstrukturen und zu unserem eigentlichen Thema.
LG Atze
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Frambuesa
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Re: Religiöses Zusammenleben im mittelalterlichen Al-Andalus

Beitrag von Frambuesa »

Hola Atze,
erst einmal ganz lieben Dank für die Mühe, die du dir mit diesem Thema machst. In die spanische Geschichte einzutauchen fasziniert mich, seit ich Spanien bereise.
Werde mich in den nächsten Tagen auch sicher nochmals diesbezüglich zu Wort melden.

Heute nur noch eine kurze Anmerkung:
Atze hat geschrieben: Mi 11. Mär 2026, 18:33 Mohammed wurde um das Jahr 570 in Mekka geboren, 622 erfolgte die bekannte Flucht nach Medina, 632 v. Chr. starb er.
Lieber Atze, da ist dir wohl ein klitzekleiner Schreibfehler unterlaufen, denn Mohammed ist 632 n. Chr. gestorben.
Nix für ungut, ich ziehe meinen Hut vor dir und deiner herausragenden Fleißarbeit zu diesem Thema.
Saludos Frambuesa
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Atze
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Re: Religiöses Zusammenleben im mittelalterlichen Al-Andalus

Beitrag von Atze »

Danke, klar: Es muss NACH heißen. Tschuldigung.
LG Atze
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Re: Religiöses Zusammenleben im mittelalterlichen Al-Andalus

Beitrag von Atze »

Und weiter geht es:
Das Zusammenleben der Angehörigen verschiedener Religionen ist im Islam seit dem 8. Jhdt quasi institutionell geregelt: Der Islam sollte - anders als das Christentum – keine missionierende Religion sein: Der Übertritt eines Erwachsenen zum Islam sollte grundsätzlich freiwillig erfolgen, war dann aber unumkehrbar. Juden und Christen gelten als Schriftbesitzer (in deren Tradition allerdings der ursprüngliche Islam verfälscht wurde) und hatten damit – anders als die andren „Heiden“ – ein gewisses Recht auf Schutz unter den Muslims, waren „Dhimmis“. Für diesen Schutz mussten sie eine Steuer (Dschizya) zahlen, die allerdings höher war, als die Steuer für die übrigens Muslims.
Sie durften dafür mehr oder weniger frei ihren eigenem Glauben nachgehen aber ohne Provokation, ohne Werbung für das Christentum und ohne Lästerung gegen den Islam. Teils wurden auch der Neubau von Kirchen bzw. Synagogen geduldet; sie behielten ihr eigenes Standesrecht.
Am Anfang war sogar der Übertritt größerer Volksteile zum Islam nicht so gern gesehen, da die Eroberungen des Geld der Dschyzya brauchten.
Zunächst traten große Teile der ländlichen Oberschicht (Westgoten) zum Islam über: Sie hatten am meisten zu verlieren. Auch bei den Notablen in den Städten ging das so. Die zum Islam konvertierten wurden „Muladis“ genannt. Die beim Christentum blieben, passten sich im Lauf der Jahrhunderte vielfach den Sitten und Moden der islamisch-arabischen Oberschicht an und wurden als „Mozaraber" bezeichnet. Im Verlauf waren etwa folgende Anteile der Einwohner in al Andalus muslimisch:
um 800 n. Chr. : 8 %
um 900 n. Chr. : 25 %
um 950 n. Chr. : 50 %
um 1000 n. Chr.: 75 %

Wie erwähnt, gab es keine Zwang zur Konversion, außer den etwas höheren Steuern und dem besseren gesellschaftlichen Ansehen eines Muslims. Gleichwohl hatten fast alle Emire auch christliche und jüdische Berater.
Vertreibungen wegen der Religion gab es nicht. Drangsalierungen wie Beleidigungen und verschiedentlich vorgeschriebene Kleiderordnungen schon.
Zwischen 851 bis 859 gab es in Cordoba eine Bewegung, dem Christentum zu höheren Ehren zu verhelfen. Insgesamt 49 Christen (Mönche, Priester und Laien) schmähten öffentlich den Islam und beleidigten auch in den folgenden Gerichtsverhandlungen den Propheten, - deutlich in dem Bestreben, das Martyrium zu erleiden. Sie wurden hingerichtet. Spanische Kirchenführer dieser Zeit distanzierten sich von der Idee, allein um des selig machenden Martyriums wegen den Tod zu erleiden.

Das Massaker von Granada 1066: Josef ibn Nagrela wir ein hochgebildeter Jude, mit der hebräischen und arabischen Kultur vertraut. Er war Wesir am Hof des ziridischen Taifa-Königs Badis ben Habus von Granada (1038-1073), der in ständige Intrigen verwickelt, misstrauisch und angeblich ständig betrunken war. Josef fühlte sich in seiner Stellung nicht mehr sicher, schickte Boten nach Almeria zu dem dortigen Herrschern Banu Sumadith, den Feinden Granadas. Er versprach, die Stadttore für die Banu zu öffnen, wenn sie ihn nach der Unterwerfung zum König machten. Die Banu machten jedoch einen Rückzieher. Sein Vorgehen wurde aber bekannt: Ein wütender muslimischer Mob stürmte den Palast, erschlug den jüdischen Wesir und kreuzigte ihn. Danach kam es zu einem Massaker an der jüdischen Bevölkerung Granadas, bei dem ca. 4.000 Personen getötet wurden. 1090 verließen weitere Juden Granada nach Nordafrika, da die folgenden Almoraviden als strenger islamisch galten (trotzdem waren auch an ihren Höfen noch weiterhin Juden als Berater tätig).
Granada war das letzte muslimische Königreich in Spanien. Al Andalus war geschrumpft.
Die Belagerung dauerte von 1482 bis 1492. Die Kämpfe bzw. der Umgang mit den Besiegten war erstaunlich zivilisiert: Bei Städten, die sich ohne Kampfhandlungen ergaben, durfte die muslimische Aristokratie bleiben und sich integrieren. Durch Eroberung Besiegte durften meist mit ihrer Familie und dem, was sie tragen konnten, die Stadt verlassen. Malaga widersetzte sich jedoch so vehement und die Kämpfe waren so blutig, dass seine Einwohner nach der Eroberung als Sklaven verkauft wurden.
Am 25.11.1491 wurde der Vertrag von Granada unterschrieben, am 2.1.1492 übergab der letzte Emir -Boabdil- die Schlüssel zur Stadt und zur Alhambra.
Der Vertrag sah vor, dass die muslimischen Einwohner alle Waffen (außer Schusswaffen) behalten durften. Nur Christen, die persönlich zum Islam konvertiert waren, mussten die Stadt (nicht das Land) verlassen. Die anderen Muslime durften die Stadt innerhalb von drei Jahren verlassen. Streitigkeiten zwischen Muslimen wurden durch muslimische Richter, zwischen Christen und Muslimen war je ein muslimischer und christlicher Richter zuständig. Christen durften Moscheen nicht während des Gottesdienstes betreten.
Der letzte Emir -Muhammad XII. (Baobdil) erhielt für sich in den Alpujarras eine von ihm regierte Enklave, wohin auch sonst viele Muslims zogen.
(am Pass „Suspiro del Moro“ südlich von Granada soll er sich weinend noch einmal nach Granada umgeschaut haben).
In den nächsten zehn Jahren nahmen die Katholischen Könige die Verträge nach und nach zurück.

Doch das ist die nächste Geschichte.
LG Atze
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