II. Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

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II. Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von CBF-Team » Sa 25. Feb 2012, 21:02

Mediterraner Baustil zeichnet sich durch Verwendung bestimmter Elemente, Materialien und Farben aus. Ein typisches Merkmal spanischer Architektur sind Arkaden/Rundbögen. Wir wollen in den nächsten Beiträgen die baulichen Unterschiede zwischen "Riurau", "Naya" und "Porche" aufzeigen. Diese Bezeichnungen werden selbst von Spaniern oftmals synonym verwendet, obwohl sie nicht gleichbedeutend sind.


Teil I - Riuraus*)

"Riuraus" sind typisch für die ländliche Architektur der Küstenregion der Region Valencia und "einzigartig in der Welt". Man findet sie dort, wo Wein angebaut wird: vorwiegend im Marina-Alta-Kreis (Provinz Alicante), in Gata de Gorgos, Benitachell, Dénia, Xàbia oder Llíber. Aber auch in La Safor (Barx, Alfahuir, Almiserà, Castellonet de la Conquesta, Xeresa usw.) und im Valle de Albaida sieht man heute noch Riu-Raus.
Angebauter Riurau in Jávea
Angebauter Riurau in Jávea
Die niedrigen, einzeln stehenden, manchmal auch an Bauernhäusern angebauten landwirtschaftlichen Gebäude haben ein Pult- oder Satteldach. Sie sind rechteckig, an drei Seiten geschlossen und nur nach Süden oder Westen hin geöffnet. An der zur Sonne ausgerichteten Längsseite befindet sich der charakteristische Bogengang mit drei bis elf Rundbögen. Wettergeschützt werden hier landwirtschaftliche Geräte unterbracht und im Spätsommer Weintrauben, aber auch Mandeln getrocknet.
Riurau in Llíber<br />Außergewöhnlich sind die Säulen aus runden Ziegelsteinen
Riurau in Llíber
Außergewöhnlich sind die Säulen aus runden Ziegelsteinen
Basierend auf einem Artikel des Calper Autors Andrés Ortolá El riurau de Rafol lässt sich über die Geschichte der Riuraus folgendes berichten:

Die Riuraus wurden früher und teilweise sogar noch heute für die Herstellung von Rosinen verwendet. Nachdem die Weintrauben überbrüht wurden, legte man sie auf cañizos (Matten aus Rohrgeflecht) und ließ sie während des Tages in der Sonne trocknen. Der Riurau diente als Schutz vor Feuchtigkeit, denn während des gesamten Verarbeitungsprozesses der Rosinen waren die klimatischen Verhältnisse von besonderer Bedeutung. Regen und Feuchtigkeit sind die schlimmsten Feinde der Rosine und können die gesamte Ernte zunichte machen.
Mehr über die Herstellung von Rosinen im Bericht über die Weinlese im Vall de Pop.
Cañizos
Cañizos
Die Riuraus wurden ab Ende des 18. Jahrhundert aus Naturstein, Lehm und Kalk gebaut, die Innenseite der Bögen waren manchmal aus Tosca-Stein, aber meist wurde gebrannter Ton verwendet. Die Deckenbalken waren gewöhnlich aus Pinienholz und wurden mit Geflecht aus Schilfrohr belegt. Dabei wurden die einzelnen Schilfrohre mit einer Schnur aus Espartogras verbunden und die gesamte Konstruktion mit Lehm abgedeckt und mit arabischen Dachpfannen (tejas árabes) gedeckt.
Innenansicht der Decke
Innenansicht der Decke
Damit der Riurau über eine optimale Belüftung verfügt, gibt es an der Nordseite einige vertikale Fenster. In Verbindung mit den nach Süden ausgerichteten Bögen entsteht so eine gute Luftzirkulation. Es gibt aber auch Riuraus, die an beiden Längsseiten offen sind.
Angebauter Riurau in Llíber
Angebauter Riurau in Llíber

Im 19. Jahrhundert bis zum beginnenden 20. Jahrhundert erlebte die die Verarbeitung der Rosinen einen großen Aufschwung. Sie wurden hauptsächlich nach England verschifft. Die Reblaus-Plage um 1908-1912, der erste Weltkrieg und die Konkurrenz der Rosinen aus der Gegend des griechischen Korinth (kleiner, ohne Kerne und mit weicherer Haut) bedeuteten das Ende des Rosinen-Handels, und die Riuraus begannen zu verfallen.
Historischer Riurau zwischen Jávea und Gata de Gorgos<br />mit Rundbögen aus Toscastein
Historischer Riurau zwischen Jávea und Gata de Gorgos
mit Rundbögen aus Toscastein
Heute sieht man in vielen Gegenden der Costa Blanca leider nur noch wenige, gut erhaltene Ruinen der früheren Riuraus.

Seit 2007 setzen sich Organisationen, wie "Riuraus Vivos" in Jésus Pobre und die "Asociación de Vecinos del Camino del Cementeri" in Jalón und “El Runar” in Benissa dafür ein, die einzigartigen Riuraus vor dem Verfall zu schützen und als lokales Kulturgut (bienes de relevancia local) oder sogar als Weltkulturerbe (Patrimonio de la Humanidad) zu erhalten. Ähnliche Bauten in Italien wurden bereits von der UNESCO anerkannt.
Riurau del Bancal Roig<br />Museo Ecológico de Teulada
Riurau del Bancal Roig
Museo Ecológico de Teulada
Riurau del Bancal Roig<br />Museo Ecológico de Teulada
Riurau del Bancal Roig
Museo Ecológico de Teulada

Die Riuraus "El Gran Riurau d'Arnauda" in Jávea (56,6 m lang) sowie "El Gran Riurau del Senyor de Benissadeví" in Jésus Pobre wurden durch Bürgerinitiativen vor dem Abriss bewahrt, indem man sie an alter Stelle ab- und an neuer wieder aufbaute.
El Gran Riurau de Jesús Pobre
El Gran Riurau de Jesús Pobre
El Gran Riurau de Jesús Pobre<br />Innenansicht
El Gran Riurau de Jesús Pobre
Innenansicht

Bekannte Riuraus in der Marina Alta:
  • El riurau de Benarrisc, Teulada
  • El Riurau Gran, Jesús Pobre (Dénia)
  • El Riurau Llarg, Benibrai (Xaló)
  • El riurau de les Ferranes, La Solana, (Xaló)
  • El riurau del Servet, construït l'any 1801,(Xaló)
  • El riurau de la Durana, Benibrai (Xaló)
  • Els riuraus del centre urbà de Llíber
  • El riurau de la Torra, el Poble Nou de Benitatxell
  • El riurau dels Agostinos, el Poble Nou de Benitatxell
  • El riurau del Cabrera, Partida de Senioles (Xàbia)
  • El riurau dels Benimelis, Partida de Mesquida, Xàbia
  • Els riuraus de l'entrada de Parcent
  • El riurau de Bonaire Benissa
El riurau de Bonaire in Benissa
El riurau de Bonaire in Benissa

*) Der valencianische Historiker Nicolau Primitu Gómez Serrano (1877 - 1971) hat in einem 1933 veröffentlichten Artikel geschrieben: "Riurau, no riu-rau. No sabem perquè alguns escriuen d'esta darrera forma, car es tracta d'una sola paraula, no composta per més d'una arrel." Frei übersetzte Quintessenz: Es heißt riurau und nicht riu-rau. Wir wissen nicht, warum manche die letzte Schriftform wählen, da es sich nur um einziges Wort handelt und nicht aus mehreren zusammengesetzt wurde.

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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von baufred » Sa 25. Feb 2012, 22:50

... ¡Enhorabuena y Gracias! ... schönes Thema :>

... soweit bin selbst ich nicht in die spanische Baugeschichte/lokale Besonderheiten eingestiegen ... im Moment liegt nach wie vor mein Schwerpunkt im "Castellano" und seinen "Stolperfallen" ... :mrgreen:
Saludos -- baufred --

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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von sol » So 26. Feb 2012, 07:24

Dazu : wir haben 1999-2004 so eine Art RIURAU- Haus unser eigen nennen können:


Bild

vorn nach Westen-die Seite nach Süden-- es war herrlich, die durchgehende Luft und die Abendsonne zu genießen.
Als wir vor 2 Jahren mal dort waren-- alles verglast-wie so viele derartig gebaute Villen - und dann wird gejammert:
" auf der Terasse waren heute 70°- wie im Auto" - die alten Spanier wussten schon, was sie taten.
--ein schöner Artikel- erweitert meine Erkenntnisse

Saludos Wolfgang
Gruss Wolfgang

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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von CBF-Team » Mi 29. Feb 2012, 06:41

Teil II - Nayas

Die Naya ist ein typischer Vorbau spanischer Landhäusern in der Region Valencia, man findet sie vorwiegend in dem Landkreis Marina Alta. Die rustikale Bauweise der Naya (auf val. Naia) ähnelt der des Riurau. Die Bezeichnungen werden von Ortsfremden oft durcheinandergebracht, aber die Gebäude haben unterschiedliche Funktionen, auch wenn beide Rundbögen*) aufweisen.
Altes Landhaus: Links der Riurau, rechts die Naya
Altes Landhaus: Links der Riurau, rechts die Naya
Während die Riuraus rein landwirtschaftlichen Zwecken dienen, sind die Nayas Vorbauten an weiß gekälkten oder aus Naturstein gebauten casas de campo (Landhäuser), um deren Eingangsbereich vor Sonne und Regen zu schützen.
Ein typisches Landhaus (casa de campo)
Ein typisches Landhaus (casa de campo)
Neuerbautes Landhaus - stilgetreu mit Naya
Neuerbautes Landhaus - stilgetreu mit Naya
Naya, versetzt an das Haupthaus angebaut
Naya, versetzt an das Haupthaus angebaut
Das Dach der Naya liegt meistens auf drei bis fünf ellipsenförmigen Bögen, von denen der mittlere Bogen meist breiter ist als die seitlichen. Die runden oder quadratischen Pfeiler sind aus Natur- oder Ziegelsteinen.

Doch diese überdachte Terrasse hat noch weitere Aufgaben als nur den Eingangsbereich zu schützen: Unter ihrem Dach werden Weintrauben und andere Früchte des Feldes getrocknet und weiterverarbeitet, doch nicht nur das. Die Naya ist erweiterter Wohn- und Lebensraum in der heißen Jahreszeit und an freien Tagen Treffpunkt für die Familie und Freunde. Hier wird gegessen, Siesta abgehalten und die Freizeit verbracht. Meistens befindet sich auch ein Horno (Backofen) an der geschlossenen Seite des Vorbaus.
Im Sommer findet das Leben draußen statt.
Im Sommer findet das Leben draußen statt.
naya, so wie sie früher war DSC_0468.JPG
Sogar die zugezogenen Ausländer haben ihre Liebe zu den charakteristischen Gebäuden in den Feldfluren der Marina Alta und das einfache Landleben vor vielen Jahren für sich entdeckt. Selbst Strom- und Wasserprobleme nehmen sie in Kauf, um dort ihren Urlaub zu verbringen oder ganzjährig zu wohnen, denn längst nicht überall gibt es Wasser- und Stromanschluss. Um weiteren Wohnraum in der Winterzeit zu gewinnen, wurden viele dieser Nayas nachträglich verglast.
verglaste Naya
verglaste Naya
Eine Naya ist das Schmuckstück dieser Landhäuschen; ein auffälliges Merkmal sind die gefärbten Umrandungen um Fenster und Türen in den Farben Rot, Blau oder Orange, die man heute immer seltener findet. Besonders hübsch sind Nayas mit maurischen Bemalungen.
Hellblau umrandete Fensterlaibung
Hellblau umrandete Fensterlaibung
Naya - arabisch angehaucht
Naya - arabisch angehaucht
Auch hier kann man den maurischen Einfluss deutlich erkennen.
Auch hier kann man den maurischen Einfluss deutlich erkennen.
Doch wohin gelangt man von der Naya?
Von der überdachten Terrasse betritt man direkt das Wohnzimmer, in dem es einen Kamin gibt und eine Treppe, die nach oben in die Mansarde (desván) führt. Der desván dient als Vorratskammer, Speicher und manchmal auch als Schlafraum.
Neben den ein bis zwei Schlafzimmern verfügen die Landhäuser über eine Küche, die oftmals noch einen zusätzlichen Backofen hat, wenn der horno in der Naya nicht ausreicht/e.

Hinter dem Haupthaus befindet sich meist noch ein Patio, der ringsherum mit hohen (Naturstein-)Mauern umgeben ist. Darin wurden früher Tiere gehalten (Schafe, Hühner, Kaninchen) und auch der Pflug und andere landwirtschaftlichen Geräte für die Bewirtschaftung der Felder finden dort ihren Platz.
Naya an einem neuerbauten Landhaus, ohne Rundbögen.
Naya an einem neuerbauten Landhaus, ohne Rundbögen.
*) Es gibt allerdings auch Nayas, deren Dächer stehen auf Pfeilern ohne Rundbögen.

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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von girasol » Mi 29. Feb 2012, 07:43

Hallo, ihr zwei,

vielen Dank für diesen ausführlichen Ausflug in die spanische Architektur - da steckt viel Arbeit dahinter.

Gruß
girasol
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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von Albertine » Mi 29. Feb 2012, 08:47

Liebe Elke, liebe Margit,
ich möchte mich Girasol anschließen. Die bauliche Darstellung eines Riurau's und einer Naya ist sehr eindrucksvoll.
Aufschlußreich sind die jeweiligen Fotos dazu. Ich habe viel dazugelernt. Herzlichen Dank Euch Zwei, für soviel Recherche
und Arbeit.
Saludos von Albertine

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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von sol » Mi 29. Feb 2012, 09:18

Hallo ihr zwei

welche Arbeit und Liebe stecken in Euren Ausführungen und ich als Gebäudenarr
der das besondere liebt- wie das Rathaus in Cartagena z.B. habe das genossen.
nebenbei: dann war unser Häuschen mit einer Naya versehen- was gelernt. Danke.

Liebe Grüße Wolfgang
Gruss Wolfgang

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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von Oliva B. » Mi 29. Feb 2012, 09:35

sol hat geschrieben:nebenbei: dann war unser Häuschen mit einer Naya versehen- was gelernt. Danke.
Vielen Dank für eure Streicheleinheiten. :*
Und zu deiner schönen "Naya", Wolfgang, die du uns ja schon gezeigt hast, kommen wir im dritten Teil :-D

Margit und Elke

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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von Albertine » Mi 29. Feb 2012, 11:31

Ich freu' mich drauf und bin schon sehr gespannt. :roll:
Ich bin ja schon jeck und ein wenig forum-süchtig. Immerzu muß ich zwischendurch mal eben im
Forum nach Interessantem sehen. Sei es zwischen Näharbeiten - so wie jetzt - oder anderen Tätigkeiten. Meine
Nähmaschine macht ständig tock, tock, tack, tick - Forum, Forum, Forum..... Bis gleich.
Saludos von Albertine

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Re: Architektonische Bauelemente: Terrasse & Co.

Beitrag von Oliva B. » Mi 29. Feb 2012, 18:20

Albertine hat geschrieben:...Ich bin ja schon jeck und ein wenig forum-süchtig. Immerzu muß ich zwischendurch mal eben im Forum nach Interessantem sehen. Sei es zwischen Näharbeiten - so wie jetzt - oder anderen Tätigkeiten. Meine
Nähmaschine macht ständig tock, tock, tack, tick - Forum, Forum, Forum..... Bis gleich.
Saludos von Albertine
Genauso soll es doch bestenfalls sein, Albertine, oder? ;)

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