40 bzw. 45 Jahre nach Franco

von den Iberern bis zur Neuzeit
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Rockcrunsher
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Re: 40 bzw. 45 Jahre nach Franco

Beitrag von Rockcrunsher »

Ich denke, solche Themen sind immer schwierig. Egal ob es sich um Franco, Hitler, Pinochet, Kim, Chruschtchow, Putin, Xi Li Ping, oder wen auch immer dreht.
Ich war in vielen Ländern, die totalitär regiert wurden/werden und trotz dieses Wissens hatte ich oft den Eindruck, die Menschen arrangieren mit ihrem System und sind nicht alle unglücklich.
Natürlich haben die, die absolut gegen das System kämpfen, dramatisch zu leiden, die anderen (Mitläufer ?) , denen geht es oft gut.
Ich kenne Chile unter Pinochet, Russland unter Chruschtchow und Putin, Singapur ( würde ich jetzt auch keine lupenreine Demokratie nennen), China unter Xi.... und hatte nirgends den Eindruck eines Unterdrückungsstaates. (Nur nebenbei: wenn man das russische Staatsfernsehen geniessen darf ... da kommt Putin auch nicht immer gut weg ...)
In Chile geht es den Menschen (der Mittelschicht) heute schlechter als zu späten Pinochet-Zeiten und in Russland ist man auf Gorbatschow überhaupt nicht gut zu sprechen.
Ich möchte nicht die Greueltaten der genannten verniedlichen, ganz bestimmt nicht, aber nicht alles ist immer und ausnahmslos so schwarz weiss zu betrachten, wie es hier scheint.
Gruss Rockcrunsher
Liebe Grüße
Rockcrunsher
Cozumel
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Re: 40 bzw. 45 Jahre nach Franco

Beitrag von Cozumel »

Dass der relative Wohlstand oder der soziale Frieden auf Kosten der Freiheit und der Regimegegner geht, in Russland und China sogar auf Kosten anderer Länder, stört dabei nicht?

Ich habe in Singapur und China auch Hongkong gelebt und hatte einen anderen Eindruck.
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Atze
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Re: 40 bzw. 45 Jahre nach Franco

Beitrag von Atze »

Der Wertemaßstab der Menschen ist überaus individuell und kann selbst bei ähnlichen persönlichen Erfahrungen ganz verschieden sein, da diese unterschiedlich verarbeitet und bewertet werden.
Es gibt keine absoluten Fixpunkte in dem Verhältnis zwischen Freiheit, Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit. Hohe Sicherheit muss regelmäßig mit einem Verlust an persönlicher Freiheit erkauft werden, soziale Gerechtigkeit kann das Recht des Individuums auf freie Entfaltung beschneiden. Unsere gegenwärtige "Verfassung" hat der Freiheit des Individuums durch den nicht verhandelbaren Begriff der Menschenwürde einen relativ höheren Wert gegenüber dem reinen Bedürfnis auf Sicherheit gegeben, da Sicherheit ohne Freiheit für unsere europäischen Ideale weniger erstrebenswert ist als Freiheit ohne Sicherheit.
Zugegeben ist das eine Art Europäisches Luxusproblem, da wir hier in letzter Zeit meist weniger um das nackte Überleben kämpfen mussten als in vielen anderen Regionen der Welt.
Aber in dem Augenblick, in dem das Fressen gesichert ist, sollte man auch wieder an die Moral, an die soziale Gerechtigkeit denken. Es ist überaus bequem, wenn man aus dem Polster der persönlichen sozialen Sicherheit vergisst, dass viele andere sie noch nicht erringen konnten.
Der Ruf nach Sicherheit dient oft lediglich dazu, eigene Pfründe zu sichern und andere auszuschließen.
Genau das hat Franco gemacht: Die Sicherheit für seine Klientel begünstigt und dafür die Freiheit und besonders die soziale Gerechtigkeit breiterer Volksschichten beschränkt. Da steckte - anders als bei Nazis und Faschisten - noch nicht mal eine Ideologie dahinter (die Ideale der Falange hatte er nie verinnerlicht), sondern reiner Machterhalt, gestützt auf eine vergleichsweise schmale saturierte Bürgerschicht.
.....
Einige - vielleicht unausgegorene - Gedanken in der Nacht.....
LG Atze

Wenn dereinst die letzte Bohrinsel abgebaut und die letzte Tankstelle geschlossen ist,
werdet ihr feststellen, dass man bei Greenpeace nachts kein Bier kaufen kann.
(Prophezeiung der Cree-Indianer)
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Rockcrunsher
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Re: 40 bzw. 45 Jahre nach Franco

Beitrag von Rockcrunsher »

Was wir Menschen hier "im Westen" gerne übersehen:
Wir stellen unsere Vorstellung von Freiheit, Menschenwürde, Moral etc. gerne als Dogma hin. Andererseits beschweren wir uns immer wieder über die Amis, die ihre Welt-/Moral-/Rechts-vorstellung grundsätzlich auf der ganzen Welt verbreiten möchten und dabei auch vor Kriegen nicht zurückstecken.
Wir sollten uns davon verabschieden, anderen Kulturen "unsere Kultur" aufzwingen zu wollen.
Atze schreibt: "...durch den nicht verhandelbaren Begriff der Menschenwürde..." Das ist bei uns lokal sicher korrekt, global gesehen treffen wir damit auf großen Widerstand.
Menschenwürde, Moral, Freiheit sind alles Begriffe, die woanders eben anders definiert und bewertet werden...und DAS sollten wir im Auge behalten.

Aber ich komme hier viel zu weit vom Thema "Franco" weg, deshalb klinke ich mich hier aus.

Nur eins noch:
Cozumel hat geschrieben: Do 25. Feb 2021, 17:55 Dass der relative Wohlstand oder der soziale Frieden auf Kosten der Freiheit und der Regimegegner geht, in Russland und China sogar auf Kosten anderer Länder, stört dabei nicht?
Ich denke dabei (neben Honkong und Taiwan) vor allem an die Krim-Krise. Was hat sich unsere Regierung damals geleistet! Das war ein absolutes "no go". Sich dort dermaßen unprofessionell einzumischen, hat mir die Röte ins Gesicht getrieben ... vor Wut und vor Scham, vor soviel Dummheit. Dass die Ukraine sich von der Kontrolle Russlands losreissen wollte, ist die eine (verständliche) Sache. Dass auf der Krim aber die Schwarzmeerflotte Russlands stationiert ist, eben die andere. Ich frage mich (nicht wirklich) heute noch: Wer hat hier eigentlich wen provoziert? Schon in den ersten Tagen wurde der Ukraine die EU-Mitgliedschaft (und implizit auch die Eingliederung in die NATO) angeboten. Da kann ich Putin verstehen, zumindest hätte es seitens unserer Kanzlerin wesentlich mehr Fingespitzengefühl bedurft. Wahrscheinlich hätte das politisch zum gleichen Ergebnis geführt...aber genauso wahrscheinlich ohne Tote.
jaja ich schweife ab ...
Gruß
Rockcrunsher
Liebe Grüße
Rockcrunsher
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