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Re: Wer liest gerade was?

Verfasst: Sa 22. Aug 2026, 18:28
von Frambuesa
baufred hat geschrieben: Sa 22. Aug 2026, 18:03
@Frambuesa: ... schon vor längerer Zeit mehrfach erwähnt > Autorin: Dolores Redondo - sowohl in Spanisch, wie auch in Deutsch verfügbar - sogar bereits verfilmt > ein mystischer Krimi-3-Teiler > Baztán-Trilogie - spielt in einem Tal in Navarra
JA, die Baztán-Trilogie ist für mich natürlich „ganz großes Kino“ 👍 - ich habe sie tatsächlich schon 2x gesehen :lol:

Re: Wer liest gerade was?

Verfasst: Sa 22. Aug 2026, 23:18
von chris
Frambuesa hat geschrieben: Sa 22. Aug 2026, 16:59 Hat mir auch gefallen, weil es sich um einen Krimi aus dem Norden Spaniens handelt, wo es ohnehin vor mystischen Erzählungen nur so wimmelt und ich mich seit Wochen damit beschäftige :smile:
Ich bin schon fast mit dem nächsten durch, das ebenfalls im Nordwesten spielt, genauer in Galicia, hier handelt es sich aber wieder um den typischen Kriminalroman mit zwei Hauptfiguren, die prinzipiell den Fall alleine ermitteln. Also eher durchschnittlicher Stoff, vorbei an der Realität der Polizeiarbeit, der sich gerade völlig in Details und der "dunklen Vergangenheit" verliert, im Schatten der Geheimbruderschaft del Cuélebre, eines galizischen Fabelwesens, von dem ich nicht weiß, ob es wirklich eine Fabel dazu gibt oder nicht. Google wird es im Zweifelsfall wissen.

Wenn ich mich durch die letzen 40 Seiten gelesen habe, schreibe ich vielleicht noch ein paar Zeilen zur Colina del Cuervo von Ager Aguirre.

Re: Wer liest gerade was?

Verfasst: So 23. Aug 2026, 12:41
von chris
La Colina del Cuervo von Ager Aguirre


Vorab ein kleiner Spoileralarm: da mich das Buch nicht so begeistert hat, dass ich es vorbehaltlos empfehlen würde, sind in der Besprechung einige Details enthalten, die der interessierte Leser gegebenenfalls lieber aus dem Buch selbst erfahren würde. Mörderin, Mörder und oder Motiv werden aber nicht verraten.


Wie angekündigt, geht es direkt weiter mit Spaniens wildem Nordwesten. Diesmal hat meine Lektüre alles in den Ring geworfen, was mir das Lesen prinzipiell verleidet:

- Zwei Polizisten, die alles im Alleingang erledigen, ob nun Verbrecherjagd im Boot oder nächtliche Einsätze direkt am Kliff - unser dynamisches Duo kommt ohne jede Unterstützung klar - oder auch nicht.

- Romanzen und Erektionen so weit das Auge reicht, gefühlt ist jeder scharf auf jeden, nicht nur zwischen den diversen Protagonisten knistert es hier und da, auch die alten notgeilen konservativen weißen Männer, die kleine unschuldige Mädchen missbrauchen, dürfen nicht fehlen.

- Bis zu einem gewissen Punkt ist es überschaubar, dann aber wird es wild. Eine geheime Bruderschaft, gehobene asturianische Kreise und der beinahe unvermeidliche Altfall, der dem kurz vor der Pensionierung stehenden Polizisten seit Jahrzehnten nachschleicht wie ein lästiger Stalker. Wenn so etwas auf dem Klappentext auftaucht, bin ich normalerweise raus. Plötzlich wird ein ganzes Fass an letztlich unwichtigen Personen und Handlungssträngen über die Story entleert, um das bisweilen absurde Verhalten der ermittelnden Inspektoren zu rechtfertigen und um uns möglichst viele falsche Fährten zu präsentieren, die aber alle nicht ausermittelt werden.

- Und natürlich ist die liebste Hauptfigur einer Autorin.... richtig! hunderttausend Punkte! ... eine Autorin. Wo früher ein gewisser S. King aus Maine konsequent war, nämlich stets und ständig Schriftsteller aus Maine zu Protagonisten seiner Erzählungen zu machen, hat sich dies in letzter Zeit in fast alle Bücher eingeschlichen, die man angeboten bekommt. Müßig zu erwähnen, dass sich auch hier die Schreibblockade unserer selbstverständlich attraktiven und intelligenten Heldin nach Abschluss des Falls löst, und sie im Epilog ein super duper erfolgreiches Buch publiziert, während einer der Polizisten und seine Kollegin endlich in der Kiste gelandet sind und dümmlich grinsend in der Warteschlage stehen, die sich zwei Jahre nach Ende der eigentlichen Geschichte in einer lokalen Buchhandlung formiert hat, um sich von unser Heldin Schrägstrich Autorin eine Widmung ins Buch schmieren zu lassen. Wo sind bloß all die kaputten Typen wie Varg Veum geblieben, die in den 70ern mit ihrer Aquavit-Fahne durch Küstenorte strichen, um dem Täter auf die Spur zu kommen? Heutzutage hat man als Hobbydetektivin lackierte Nägel und steht manchmal auch nachts für Yogurette auf.


Aber worum geht es denn nun eigentlich? Victoria, die attraktive Autorin mit Schreibblockade und stets zum Scheitern verurteilten Beziehungen, steht nach einer klaren Ansage per Textnachricht von ihrem Freund wieder als Single da, fährt weinend ans Meer, lässt sich in einer Bar mit Whisky volllaufen, jedoch ohne die Charaktertiefe eines Varg Veum auch nur annähernd zu erreichen, und verliert keine Zeit, mit einem sich ihr aufdrängenden Franzosen in einem lokalen Hotel einzuchecken. Als sie am nächsten Morgen noch verklebt von der nächtlichen aventure amoureuse aufwacht, ist der Liebhaber von der Seine verschwunden, allerdings nur für kurze Zeit, denn man findet seinen Kadaver recht zeitnah am schwer zugänglichen Strand hinter dem Hotel. Aufgeschlitzt mit einem Dreizack und mit raußen Augen, neben einer ebenfalls toten Krähe. Das kann nur der Cuélebre aus der asturischen Legende gewesen sein, ein Fabelwesen in Schlangenform mit Flügeln, dem dem weiteren Verlauf der Geschichte zufolge traditionell Jungfrauen zur Ehelichung geopfert werden müssen, damit die lokalen Fischer unbehelligt ihrem Tagewerk nachgehen können.

Ab diesem Punkt kommt die bereits erwähnte geheime Bruderschaft ins Spiel, die unbehelligt ihrem Tagewerk der Zwangsverheiratung kleiner Mädchen nachgehen kann, im Schatten der großen Legende vom Cuélebre, die über allem schwebt wie eine dunkle Wolke mit 80% Niederschlagswahrscheinlichkeit. Im Nachgang lässt uns die Autorin wissen, dass es wirklich eine Legende vom Cuélebre gibt, nicht jedoch in der Form wie im Buch erwähnt, und die Bruderschaft sei fiktiv.

Müßig zu erwähnen, dass das muntere Stechen mit dem Dreizack weitergeht, während die Legende uns verfolgt; ebenso wie der Altfall und die hohen Kreise der lokalen Gesellschaft, die Alleingänge der Inspektoren und aufgesetzt wirkendes Lokalkolorit, auch in Form von regionalen Ausdrücken, die in die Erzählung eingestreut und in etlichen Fußnoten erklärt werden.

Am Ende versucht man sich an einer harten Beschleunigung des Tempos, doch statt gespannte Atemlosigkeit zu erzeugen, grenzt es ans Lächerliche, wenn erwachsene Menschen sich von ganz offensichtlich falschen Textnachrichten im Stile von "Du musst unbedingt kommen und dir das ansehen!!!" ans Meer in die Einöde zum kurzen Showdown locken lassen. Das dort enthüllte Serienmord-Motiv ist eher Banane und liegt weit abseits dessen, was im gesamten Buch konstruiert wurde. Irgendwie hat es Ager Aguirre geschafft, das dem Verleger als raffinierten Plot-Twist zu verkaufen, für mich ist es aber eher so als wenn man mir diverse exklusive Speisekarten vorlegt und dann ein Servierwagen mit Silberkuppel herangerollt wird, unter der eine Käsestulle liegt. Kann man essen, man fragt sich aber, was der ganze Aufriss vorher sollte. Und während der Täter (oder war es eine Täterin?) noch aus dem Nähkästchen plaudert, zwei reichlich naive Menschen zu seinen / ihren Füßen liegend, löst einer der Polizisten die Situation ebenso endgültig wie sicherlich vorschriftswidrig mit einem exakt platzierten Fernschuss aus seiner Dienstwaffe.

Die Nebenschauplätze werden danach im Epilog alle in ein, zwei Sätzen dicht gemacht, die Bösen bekommen su merecido, und die Guten signieren Erfolgsromane beziehungsweise lassen sie sich signieren. Was soll man dazu sagen? Man muss die Region und ihre Legenden schon lieben, um sich an dem Buch zu ergötzen. Für mich bleibt es ein austauschbarer Kriminalroman mit einer Prise Beziehungsstress, einer Prise lokale Legende und einer Prise Realitätsferne.