die geschichte von zitrona

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Karl-Heinz Brass
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die geschichte von zitrona

Beitragvon Karl-Heinz Brass » Do 5. Apr 2012, 16:27

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M. Großmann / pixelio.de



liebe freunde,
nachdem der generalstreik(t) offensichtlich seinem ende entgegengeht, bleibt vielleicht wieder etwas zeit für die angenehmeren dinge des lebens.

Zum besseren Verständnis für den Leser die folgende Erklärung zur Story, die
ich selbst geschrieben habe, und sich im Kern so auch abgespielt hat.



Vor einigen Jahren besuchten Laura und Tim ihre Freunde in Spanien. Als Aufmerksamkeit für ihre Gastgeber kauften sie in einem Gartencenter ein kleines Zitronenbäumchen. Nach langer Zeit schreibt Zitrona, so heißt dieses mittlerweile groß gewordene Gewächs, einen Brief an ihre Freunde in Deutschland:



Hallo liebe Laura

guten Tag lieber Tim,



es ist ja nun schon einige Jahre her, dass ihr beide hier in meinem Heimatland Spanien gewesen seid. Erinnert ihr euch noch an mich ?



Ach, richtig, ihr könnt ja gar nicht wissen, wer euch diese Zeilen schreibt. Es wird Zeit, dass ich mich zunächst einmal vorstelle. Ich bin ZITRONA und hier an der Costa Blanca geboren.



Ich habe den Tag noch genau in meinem sauren Gedächtnis als ich euch beide zum ersten Mal gesehen habe. Das war gar nicht so einfach, denn meine Sicht wurde durch viele arme und Beine meiner damaligen Mitbewohner stark behindert. Ich fand euch , obwohl wir uns doch gar nicht kannten, sofort sympathisch, eigentlich noch mehr, denn ihr erwecktet in mir freundschaftliche Gefühle. Ihr machtet einen unentschlossenen Eindruck, als ihr das Gelände betreten hattet, und ich fragte mich, was wollen die beiden Alemanen überhaupt hier? Zunächst dachte ich, die haben sich bestimmt verlaufen, denn eure Köpfe schwenkten ständig nach rechts und links, so als würden sie Orientierungspunkte suchen. Auch eure Beine waren sich nicht einig, wohin sie eigentlich laufen wollten. Mal vor und mal zurück, ohne rechtes Ziel.



Dann, ganz plötzlich und für mich unerwartet, wurdet ihr offensichtlich durch die Anwesenheit meiner zahlreichen grünen Freunde abgelenkt. Ich wollte genauer sehen, was jetzt passiert und versuchte mich zu recken und größer zu werden. Aber das war vergebliche Liebesmühe. Ich musste, wie angewurzelt stehen bleiben und konnte mich nicht bewegen. Ich war halt noch sehr klein.



Da kam mir der Wind zur Hilfe. Er blies so sanft, dass sich die anderen Bewohner meiner Kolonie leicht und flockig bewegten und mir, immer für einige Sekunden, Sicht auf euch freigaben. Es sah so aus, als ob ihr etwas sucht. Aber was? Ich wurde immer neugieriger und sehr gespannt was passieren würde.



Nun muss man wissen, dass meine grünen Kollegen und Kolleginnen nicht dauerhaft auf diesem Gelände standen. Wir alle hatten unsere Eltern verloren, waren somit Vollwaisen. Wir warteten voller Ungeduld, aber auch mit einer gehörigen Portion Angst und Sorge, auf ein neues, dauerhaftes Zuhause.



Ich hatte ja noch Glück, denn ich war noch sehr klein und noch nicht so lange in diesem Waisenhaus. Aber wenn ich so um mich herum blickte, so gab es doch traurige Fälle, die seit Jahren immer noch kein Zuhause hatten und ohne jede Hoffnung vor sich hin vegetierten. Besonders leid tat mir da der alte Olivenbaum, der nach Jahren des Wartens voller Glück war, weil er eine neue Heimat auf einer alten Finca gefunden hatte. Doch nur kurze Zeit, nachdem er gerade Wurzeln geschlagen hatte, kam ein Mann mit einem Bauplan und einem Schutzhelm auf dem Kopf. Er schaute kritisch über seinen Brillenrand und signalisierte seinem Vorarbeiter: "Der muss hier weg, und zwar schnellstens!" So nahm das Leben dieses treuen Baumes ein schreckliches Ende: Tod durch die Kettensäge!



Ein heftiger Windstoß ließ meine Gedanken wieder in die Realität zurückkehren. Wem von uns stand auch so ein Schicksal bevor? Sollte es mich vielleicht treffen, dachte ich voller Sorge, als ich euch beide näher kommen sah. Ich schwankte zwischen Hoffnung und Angst. Eure Hände begannen, sich einen Weg durch das Dickicht der Äste zu bahnen. Die Finger streichelten weich meine grüne Haut. Ich fühlte mich gut. Zum ersten Mal in meinem noch kurzen Leben schien sich jemand ernsthaft für mich zu interessieren. Bisher war ich nur ein rüdes Hin- und Herschubsen gewohnt und ab und zu mal einen herzlosen Wasserguss.



Fürsorglich, um mir ja nicht weh zu tun, habt ihr mich aus der Reihe herausgehoben und mich von allen Seiten angeschaut. Als ihr begonnen hattet mich mehrfach um meine eigene Achse zu drehen, kam ich mir vor wie eine kleine Ballerina bei ihrem ersten Bühnenauftritt.



"Nehmt mich mit, bitte, nehmt mich mit, wohin auch immer", flehte ich euch beide in meinem jungen Herzen an. Mein Wunsch ging in Erfüllung, denn ich wurde "auf Händen" getragen.



Nach Abwicklung der Formalitäten am Ausgang des Geländes, habt ihr mich vorsichtig in ein Auto gehoben und darauf geachtet, dass meine Gelenke unversehrt blieben. Das erste Mal in meinem Leben in einem PKW fahren, was für ein Erlebnis. Genau erinnere ich mich noch heute daran, wie du, Laura, mehrfach nach hinten schautest um dich zu vergewissern, dass es mir gut geht und ich bequem meiner Zukunft entgegenrollen konnte. Ich hätte noch stundenlang durch diese herrliche Landschaft fahren können, denn ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Doch die Fahrt war bald zu Ende. Oh Gott, dachte ich damals, jetzt wird sich mein Schicksal entscheiden.



Du, Tim, bist mit dem Auto durch ein weißes Tor gefahren und wir standen vor einem neuen Haus mit einem großen Garten.

Mir kamen Zweifel, denn ich konnte nur wenige meiner Artgenossen erkennen, zumal die meisten kleinwüchsig waren. "Will man mich hier aussetzen", stellte ich mir die bange Frage. Es schien zunächst so zu sein, wie ich befürchtete. Man stellte mich, zwar sanft, einfach auf den Boden und ihr beide verschwandet aus meinem Blickfeld. Die Sonne brannte noch ziemlich kräftig auf mich nieder und ich bekam großen Durst. Ich dachte, so grausam können die beiden doch gar nicht sein, hatten sie mich doch bisher so liebevoll umsorgt. Nein, das kann nicht sein, säuselte ich vor mich hin und streckte trotzig meine zarten Ästchen in die Höhe.



Nach einiger Zeit öffnete sich eine der Glastüren, die zur Poolseite lagen. Zusammen mit euch traten zwei weitere Personen auf die Terrasse und schauten mit Erstaunen und großen Augen auf mich herab. Obwohl es etwas windig war, nahm ich all meine Kraft zusammen, um nicht zu wanken oder sogar umzufallen. Ich wollte einen guten Eindruck hinterlassen, hatte ich doch in meiner frühesten Jugend einmal gehört, dass der erste Eindruck der beste sein soll. Das Ah und Oh der beiden, mir immer noch unbekannten Menschen, galt wohl offensichtlich mir. Sie schienen mich zu mögen.



Aus dem laufenden Gespräch konnte ich verstehen, dass die beiden Biggi und Karl hießen und wohl dauerhaft in diesem schönen Haus wohnen würden. Ob ich wohl hier bleiben sollte, fragte ich mich. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, hatte ich doch gerade mit euch beiden, Tim und Laura, zuverlässige Freunde gewonnen. Auf der anderen Seite war es schon ganz reizvoll dort zu bleiben, wo fast das ganze Jahr die Sonne scheint.



Die zwei, Biggi und Karl, hatten wohl zwischenzeitlich Wohlgefallen an mir gefunden, denn sie liebkosten mich, indem sie meine zarten Ästchen und Blätter zurecht rückten und mich erneut im Kreise drehten und mich ständig anlächelten.So blieb ich einige Tage in meinem Topf stehen. Ich bekam regelmäßig frisches Wasser, mal eine erfrischende Dusche und als Besonderheit ab und zu einige blaue Leckerchen, die mir beim Wachsen helfen sollten.



Das konntet ihr beide nicht wissen, denn ihr hattet inzwischen die Heimreise nach Alemania angetreten. Was jetzt noch alles passierte will ich euch in wenigen Sätzen schildern.



Ich hatte mich schon damit abgefunden, den Rest meines Lebens im dem engen Topf zu verbringen, als nach ca. einer Woche Biggi und Karl mit seltsamen Werkzeugen auf mich zukamen. War das etwa eine Kettensäge. erschrak ich, und dachte an den armen Olivenbaum. Auch als sie mich auf die andere Seite hinter das Haus brachten, rechnete ich mit dem Schlimmsten und nahm leise Abschied von dieser Welt. Es sollte wohl den anliegenden Nachbarn verheimlicht werden, auf welch eine grausame Art und Weise die kleine Zitrona beseitigt werden sollte.



Aber nichts dergleichen geschah, im Gegenteil! Man grub für mich ein ausreichend großes und tiefes Loch, worin ich meine, durch die Enge des Topfes arg lädierten Beine, wohlig ausstrecken konnte. Als besonderen Komfort erhielt ich noch ein weiches Kissen aus herrlich schwarzer Erde, dazu ein lauwarmes Fußbad. Luxus pur!



Biggi und Karl kümmerten sich total um mich, es sollte mir an nichts fehlen. So wuchs ich langsam heran. Im Laufe der Zeit merkte ich wohl, dass mir etwas fehlte, nämlich freundliche Mitbewohner. Doch wie sollte ich das meinen neuen Pflegeeltern erklären, ohne in Ungnade zu fallen?



Das Problem löste sich von selbst. So, als hätten es die beiden geahnt, stellten sie mir nach und nach neue grüne Gesellen zur Seite. So stehe ich heute neben meinem Freund, der Feige, und dem sehr sensiblen Nisperos auf der einen Seite. Auf der linken Seite von mir wächst Fräulein Mandarine so toll, dass wir mittlerweile Arm in Arm zusammen stehen. Links außen sind die Trauben von der Weinfraktion ständig bemüht, ihren guten Ruf zu erhalten.



Ich bin rundum glücklich und zufrieden !



Um meiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen, produziere ich das ganz Jahr über herrlich dicke, frische und gesunde neue Zitronas. Besonders stolz bin ich dann, wenn meine guten Pflegeeltern meine Früchte an unsere Nachbarn verteilen, die dann voller Lob über die überdurchschnittliche Qualität sind und mir freundlich zunicken.



Das alles habe ich euch beiden zu verdanken !



Ihr beide habt bald Geburtstag. Nehmt das beigefügte, aktuelle Foto von mir, damit ihr wisst, dass ich euch nicht vergessen habe und auch nie vergessen werde. Alles gute zum neuen Lebensjahr ! Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mich einmal persönlich besuchen würdet. Dann könnt ihr sehen, was Prachtvolles aus mir geworden ist.



Bis dahin ganz liebe Grüße eure

ZITRONA

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Re: die geschichte von zitrona

Beitragvon Oliva B. » Do 5. Apr 2012, 18:54

Hallo Karl-Heinz,

eine schöne Geschichte! Da hast du aber dein Zitronenbäumchen sehr gut beobachtet und man spürt förmlich beim Lesen, wie sehr du es hegst und pflegst und gerne hast.

Meine Pflanzen liegen mir genauso am Herzen.
Kürzlich habe ich unser Lorbeerbäumchen in Benissa mit Neutralseife behandelt: Blättchen für Blättchen - von oben nach unten habe ich alle eingeseift, die Läuse am Stamm und an den Zweigen abgekratzt, eine ekelhafte Arbeit, das Wasser war nachher ganz dunkel. Aber ich dachte, was müssen die Läuse doch das Bäumchen jucken und es noch nicht einmal Finger, um sich zu kratzen. Nach der Behandlung dachte ich: Heute wird das kleine Bäumchen wieder ruhig schlafen und ich glaube sogar, einen dankbaren Seufzer gehört zu haben. ;)

Seltsam aber: Schon in Deutschland hatten meine Lorbeerbäume Läuse, nur bei uns im Hinterland wachsen sie ohne Probleme, selbst der strengere Winter hier macht ihnen nichts aus.
Lorbeer.JPG
Blühender Hochstamm-Lorbeer

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Re: die geschichte von zitrona

Beitragvon Akinom » Do 5. Apr 2012, 21:45

;-)
Hallo Karl-Heinz,

sehr gerne habe ich Deine Geschichte von Zitrona gelesen.
Ich habe richtig mit dem Bäumchen mitgefühlt - einfach schön geschrieben.

Deine Geschichte erinnert mich an ein Kinderbuch mit einem Teddybären, welcher im Spielzeugladen auf einem Regal sitzt und genauso wartet ein Zuhause zu bekommen (hat er dann auch) -

Danke Dir!

;;)

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Re: die geschichte von zitrona

Beitragvon sol » Fr 6. Apr 2012, 07:52

--eine niedliche, sinnvolle Geschichte- lieber Karl-Heinz
Ich sage ja schon immer: Pflanzen sind Lebewesen, wie du und ich.
wenn ich so manchmal sehe, wie an Pflanzen jeglicher Art von uns Geschöpfen rumgerissen,
abgepflückt und gleich weggeworfen wird- und wenn ich von Unkräutern höre, was eigentlich
nur wilde Pflanzen sind, die wir in unserer kultuvierten "Landschaft" nicht haben wollen-deshalb
gehe ich gerne in so wildgebliebene oder wieder verwilderte Gegenden-das ist dann Schönheit.

aber nun zu meinem Erlebnis mit einem Baum--
Hatte aus Samen '78 eine Schwarzkiefer gezogen -die mußte dann 3mal mit mir umziehen-ist
immer wieder angewachsen und hat sich prächtig entwickelt- als wir dann anno 2000 nach
Spanien übergesiedelt sind, sagte ich zu ihr : "Leider mußt du hierbleiben"-- im Spätherbst bekam
sie braune Nadeln und verstarb-unser Nachfolger vom Haus hat sie dann entfernt und verfeuert.
Gruss aus Berlin--
Wolfgang und Traudel

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Re: die geschichte von zitrona

Beitragvon Miramar » Fr 6. Apr 2012, 11:57

Tolle geschicht
in meine garten in England hab ich soviel pflanzen, alle von jemanden gespendet oder ableger und geschenkt beim damailigen einzug.
Unser mieterin darf viel machen bei uns im Haus ;;) aber nicht eine davon entfernen. x(
fange grade meine neue spanische sammlerei an
Liebe Grüsse Miramar ( Heike) in Partida Daimus

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Re: die geschichte von zitrona

Beitragvon Karl-Heinz Brass » Sa 7. Apr 2012, 18:15

hallo zusammen,


danke für die bisherigen netten antworten bezügl. meiner zitrona geschichte.

es klingt wirklich ein wenig verrückt aber man kann tatsächlich eine besondere beziehung zu einem solchen " mitbewohner" aufbauen.

frohe ostern

karl-heinz


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