Amanda geht aus

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Milka
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Amanda geht aus

Beitrag von Milka » So 26. Feb 2012, 15:39

Gestern Nachmittag hat’s mich mit Florecilla ins Alegria verschlagen. Die Nordlichter unter Euch und auch einige Südstaatler kennen es.

Es war rappelvoll. Nur Spanier. Wir waren – außer den Gastgebern - die einzigsten Deutschen. Die Stimmung war großartig, laut und sehr fröhlich. An diesem Nachmittag gab es Livemusik. Ein junger Spanier mit toller Stimme und entsprechender Musik heizte dem Publikum ein und man sah förmlich, wie es in den Füßen und Hüften zuckte. Nicht lange, und die ersten Paare begannen zu tanzen.

In diesem Falle war es gut, dass ich noch kein Spanisch spreche. So konnte ich mich voll auf die Musik konzentrieren und sie genießen. Das Publikum war altersmäßig sehr gemischt. Wir hatten direkt am Eingang, an der Bar noch ein paar Barhocker ergattern können und hatten somit freie Sicht auf den gesamten Raum.

Und dann kam sie. Amanda.
„Ja, ich heiße Amanda und bin 79 Jahre alt. Ich bin gerade aufgestanden. Siesta, Ihr wisst schon. Heute gibt es im Alegria Livemusik. Mein Lieblingsmusiker Allessandro tritt auf. Den möchte ich auf gar keinen Fall verpassen und werde, nach dem ich gemütlich meinen Espresso getrunken habe, mir extra viel Mühe mit meinem Makeup geben“.

79 Jahre, wie die Zeit vergeht. Eingekuschelt in meinen Sessel stelle ich gedankenverloren die Tasse auf den Beistelltisch. Mein Blick fällt auf den Kamin. Dort auf der Umrandung stehen viele Fotografien. Die meisten von Alberto, meinem dritten Ehemann und mir. 15 Jahre ist er jetzt tot. Er war die Liebe meines Lebens, und ich seine. Er hat dafür gesorgt, dass es mir gut geht. Bis heute habe ich keine finanziellen Probleme. Wohne in einem schönen Haus und kann mir alles leisten, wonach mir der Sinn steht.

Mein Blick fällt auf die Uhr über dem Kamin. „Oh je, schon halb vier. Um halb fünf holt mich Maria ab“. Mit einiger Mühe richte ich mich auf und gehe durchs Schlafzimmer in Richtung Bad. Auf der langen Anrichte stehen bestimmt dreißig Perückenköpfe. Jede Perücke hat ihre eigene Geschichte. Welche soll ich heute tragen? Noch habe ich mich nicht entschieden.

Im Bad widme ich mich ausgiebig meinem Makeup. „Ich mag zwar alt sein und schon Sand in der Tasche haben, muss aber nicht so aussehen“, sage ich zu meinem Spiegelbild. Die vielen Kosmetiktermine und Zeitschriften haben sich bezahlt gemacht. Alles was man über plakative Kosmetik wissen muss, habe ich im Kopf. Und alle Produkte, die man dafür braucht, befinden sich hier in diesem großzügigen Bad. Sorgfältig reinige und grundiere ich meine immer noch schöne Haut. Nach und nach wird das Bild perfekter. Eine gute Stunde später ist das Werk vollbracht. Meine großen, veilchenblauen Augen leuchten und funkeln wie die eines jungen Mädchens.

Zufrieden widme ich mich meinen Perücken und entscheide mich für die schneeweiße, kinnlange. Zurück im Bad bürste ich meine eigenen, spärlichen Haare nach hinten und setze sie auf. Mit den Fingern noch ein wenig gezupft und fertig ist die Frisur. „Wow, siehst du gut aus, Amanda, das soll dir mal erst einer nachmachen.“

Jetzt noch die Kleidung. Ich entscheide mich für einen schwarzen Rollkragenpullover, einen roten Blazer und eine schwarze Hose. Weich schmiegen sich die Kaschmirfasern an meinen zierlichen Körper. Das Werk ist vollbracht. Vor dem Spiegel eine letzte kritische Drehung, nein, alles prima so.

Kurz darauf klingelt Maria. Marcia, meine Haushälterin öffnet die Tür und bittet sie herein. Bewundernd schaut sie mich an. „Ich weiß nicht was ich sagen soll, Du bist wunderschön.“ „Danke Maria, Du auch. Dann können wir ja los.“ Ich greife nach meiner Handtasche. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, bevor ich das Haus verlasse. Alles in bester Ordnung.

Schon von draußen hört man die Musik. Wir betreten das Restaurant. Gleich am Eingang sitzen zwei junge, deutsche Frauen und schauen mich bewundernd an. „Alles richtig gemacht“, denke ich bei mir und stürze mich ins Getümmel.

Schlusswort: Diese aparte alte Lady gab es wirklich. Florecilla wird’s bestätigen. Mich hat dieses wunderschöne Geschöpf so nachhaltig beeindruckt, dass ich eine Geschichte erfinden musste.

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Re: Amanda geht aus

Beitrag von ayscha » So 26. Feb 2012, 15:52

liebe milka
wieder eine so schöne geschichte... es macht mir immer spass etwas von dir zu lesen...
so vielseitig ...lieblich und fantasievoll sind deine geschichten geschrieben...
ich könnte mir gut vorstellen... dass ich ein buch von dir lesen möchte...
vielleicht versuchts du es einmal die kleinen geschichten in einem buch
zu fassen... dir geht es doch so leicht von den lippen... das habe ich auch
gemerkt bei unserem letzten forentreffen...

also vielleicht..........................

Albertine
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Re: Amanda geht aus

Beitrag von Albertine » So 26. Feb 2012, 20:28

Liebe Milka,
in Deine Kurz-Geschichten kann ich versinken und für einen kurzen Augenblick die Zeit verträumen.
Danke dafür.
Saludos von Albertine

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Re: Amanda geht aus

Beitrag von Oliva B. » So 26. Feb 2012, 20:48

Das war wieder einmal eine herzerfrischende Geschichte wie sie nur das Leben - ähem :oops: ,
ich meine, wie sie nur eine Milka schreiben kann. Herzlichen Dank auch von mir! >:d<

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Re: Amanda geht aus

Beitrag von hokusai » So 26. Feb 2012, 23:03

@sach ich doch, Manu... :x

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Re: Amanda geht aus

Beitrag von Florecilla » So 26. Feb 2012, 23:45

Milka hat geschrieben:Ein junger Spanier mit toller Stimme und entsprechender Musik heizte dem Publikum ein und man sah förmlich, wie es in den Füßen und Hüften zuckte.
Wohl wahr, wohl wahr ...

Der Musiker hört auf den klangvollen Namen Inti Cardoso Garcia und hat auch mir sehr gut gefallen. Vor zwei Jahren wurde über ihn ein Artikel in der Onlinezeitung24 veröffentlicht: Eine Sonne strahlt am Latin-Music-Himmel ...
Hasta luego,
Florecilla (Margit)

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Re: Amanda geht aus

Beitrag von Karl-Heinz Brass » Mo 27. Feb 2012, 01:09

liebe milka,

deine geschichte ist soooooooooo schöööööööön. DANKE !

liebe grüße

karl-heinz

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Re: Amanda geht aus

Beitrag von Citronella » Mo 27. Feb 2012, 11:27

Milka =D> super!

Saludos
Citronella

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