"Er ist wieder da"

Buchempfehlungen, die nichts mit Spanien zu tun haben.
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Florecilla
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"Er ist wieder da"

Beitrag von Florecilla » Fr 14. Jun 2013, 18:36

Er ist wieder da von Timur Vermes wurde mir von meinem 16jährigen geschichts- und politikinteressiertem Neffen empfohlen:

  • Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Tausenden von Ausländern und Angela Merkel. 66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende strandet der Gröfaz in der Gegenwart und startet gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere - im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur und gerade deshalb erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und auch trotz Jahrzehnten deutscher Demokratie vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und "Gefällt mir"-Buttons. Eine Persiflage? Eine Satire? Polit-Comedy? All das und mehr: Timur Vermes' Romandebüt ist ein literarisches Kabinettstück erster Güte.

Die Thematik sagte mir nicht wirklich zu, deshalb landete es erst mal auf der Irgendwannleseiches-Liste. Irgendwann war dann gestern und heute. Zuvor habe ich aber einen Blick auf die Sterne bei Amazon geworfen: 1.153 Rezensionen und in der Summe 4,1 Sterne - kann also gar nicht so schlecht sein. Die Rezensionen selbst habe ich mir erspart, dafür aber noch kurz geschaut, was die einschlägigen Online-Medien so berichten:

Die Welt: "Er ist wieder da", die zwischen Schauermärchen und Satire angesiedelte Geschichte vom wiederauferstandenen Führer, ist Timur Vermes' erster Roman, und er geht ab – nicht wie Schmidts Katze. Sondern wie Blondi, Hitlers Schäferhund. So jedenfalls könnte man es sagen, wenn man wie der Autor keine Berührungsängste hat und Zynismen erst mal für nicht schädlich hält.

Süddeutsche.de: Die Polit-Satire "Er ist wieder da" von Timur Vermes hat die Bestseller-Listen erobert. An der Qualität des Romans kann das nicht liegen. In Deutschland hat sich eine seltsame Hitler-Fixierung herausgebildet, die schon fast etwas Manisches hat.

Stern: Vermes zwingt den Leser, sich zumindest gelegentlich mit diesem Hitler zu identifizieren. Das klingt brandgefährlich, zynisch und wie der neueste Auswuchs einer Hitler-Vermarktungsmaschine, die jedes Tabu bricht, um Auflage und Geld zu machen. Aber Vermes gibt sich Mühe, seine Kalauer zu vergiften.

taz.de: Lustig-blöder Hitlerkrampf: Cover und Marketingkampagne glückten, sodass es der Roman auf Anhieb hoch auf die Bestsellerlisten schaffte. Respekt!, könnte man sagen, doch es gibt einen Wermutstropfen: Das Buch ist totlangweilig und nicht im mindesten komisch.

Entsprechend vorbereitet machte ich mich also an die Lektüre. Die ersten 100 Seiten würde ich als durchaus amüsant betrachten - dennoch fragte ich mich ständig: Darf man über Hitler lachen? Ist das statthaft? Aber es hatte schon etwas Komisches, wie der "auferstandene" Hitler mit der heutigen Welt konfrontiert wird und allen Erlebnissen seine Ideologie überstülpt. Ab der Hälfte des Buches wurde mein leichtes Amusement von einer Art Beklemmung abgelöst: Kann es wirklich sein, dass die Menschen heute so blind sind? Könnte man uns tatsächlich gefährliche Propaganda als Satire verkaufen? Oder ist es ein Zeichen für die Fortschrittlichkeit unserer Zeit, dass wir solche politischen Tendenzen nicht erst nehmen und sie einfach ins Lächerliche ziehen und ihnen somit ihr Potential entziehen?

Letztendlich konnte ich mir all diese Fragen nicht beantworten und bleibe ein wenig ratlos zurück. Eine Empfehlung für Vermes Debütroman würde ich aber auf jeden Fall aussprechen!
Hasta luego,
Florecilla (Margit)

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Re: "Er ist wieder da"

Beitrag von Atze » Fr 14. Jun 2013, 20:16

Florecilla hat geschrieben:dennoch fragte ich mich ständig: Darf man über Hitler lachen? Ist das statthaft?
Ooch, das habe mind. schon 2006 gemacht, als Walter Moers "Der Bonker" rausbrachte.

http://www.cartoonland.de/archiv/adolf- ... em-bonker/
LG Atze

Wenn dereinst die letzte Bohrinsel abgebaut und die letzte Tankstelle geschlossen ist,
werdet ihr feststellen, dass man bei Greenpeace nachts kein Bier kaufen kann.
(Prophezeiung der Cree-Indianer)

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Re: "Er ist wieder da"

Beitrag von Florecilla » So 16. Jun 2013, 11:14

Hallo Atze,

ich muss gestehen, dass ich die Bücher von Walter Moers und das Video hinter deinem Link nicht kannte.

Mich wundert ein wenig, dass das Buch von Timur Vermes hier so gar keine Reaktion hervorruft. Oder hat es wirklich noch niemand gelesen?

Vielleicht ist das Forum ja auch nicht die richtige Plattform :-? aber dafür haben wir ja eigentlich die internationale Bücherecke ...
Hasta luego,
Florecilla (Margit)

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Montemar
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Re: "Er ist wieder da"

Beitrag von Montemar » So 16. Jun 2013, 13:00

Ich persönlich kann mich dieser Rezension nur anschließen ohne eigene Worte wählen „zu müssen“ und vielleicht bei manchen - aktiven Usern sowie passiven Lesern - hier ins Fettnäpfchen zu treten, das Hörbuch auf jeden Fall empfehlenswert - der Lacher, Christoph Maria Herbst wächst als Hitler über sich hinaus, er hat die Imitation einfach drauf…
«Darf man sich über Hitler lustig machen? Nein, man muss!"»

Dieses Buch ist saukomisch, erschreckend und wahr zugleich. Stellt Euch mal vor, ihr sitzt beim Lesen da und denkt: "Ja, da hat er Recht." oder Ihr ertappt Euch beim herzhaften Lachen MIT der Hauptfigur, nicht ÜBER sie. Es ist ein unglaublich gewagtes Kunststück, was Timur Vermes hier abgeliefert hat, aber es ist ihm auch unglaublich gut gelungen.

"Ja, da ist er also wieder, der Führer. Erwacht im Jahr 2011, völlig orientierungs - und planlos und noch dazu ohne Dach überm Kopf, mal ganz zu schweigen von seinen treuen Vasallen. Der Leser begleitet ihn auf dem Weg aus der Gosse hinauf zu einem Medienstar, der seinesgleichen sucht - selbstverständlich aus der Ich-Perspektive. Das erinnert im Groben an die Biografie des wahren Adolf Hitler, aber natürlich ist das Ganze auf die heutige Zeit abgestimmt. Das, was dieses Buch von anderer Hitler-Satire grundlegend unterscheidet, ist der Grad an Authentizität. Ich befasse mich jetzt schon einige Jahre mit diesem Mann und muss sagen, es ist erstaunlich, wie real Timur Vermes ihn, sein Verhalten, sein Denken und seine Sprache aufs Papier gebracht hat. Wer mal einen direkten, sachlichen Vergleich möchte, der sollte sich die Tischgespräche von Henry Picker anschauen (Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier: Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus), da merkt man kaum einen Unterschied! Und dann sitzt Du da und lachst mit dem Führer, empfindest sogar Sympathien für ihn, im nächsten Moment läuft es Dir wieder eiskalt den Rücken runter - dieses kongeniale Spagat zieht sich durch das ganze Buch.

Und dann ist da natürlich die Satire. So tiefschwarze, durch und durch böse Gesellschaftssatire wie sie eigentlich besser nicht sein könnte. Da bleibt kein Stein auf dem anderen. Der frisch erwachte Hitler nimmt seine Umwelt mit seiner enormen Beobachtungsgabe unter die Lupe und zerreißt sie, teils intelligent, teils aus schlichter Altmodischkeit, in ihre Einzelteile. Insbesonders die Medienlandschaft bekommt ihr Fett weg...und die NPD. Wie das Ganze ausgeht, das möchte ich nicht verraten, aber so viel sei gesagt: das schreit nach einer aktualisierten Fortsetzung!

Was bleibt also am Schluss, nachdem man das Buch zugeklappt hat? Für mich zum einen die gruselige Erkenntnis, wie leicht es einem Mann wie Adolf Hitler heute fallen würde, die Gesellschaft wieder für sich zu gewinnen und zum anderen immer noch dieses komische Gefühl, dass ich habe, weil ich ihn öfter mal sympathisch fand...“

„Was nützt es dem Menschen, wenn er Lesen und Schreiben gelernt hat, aber das Denken anderen überlässt?" Ernst R. Hauschka

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Re: "Er ist wieder da"

Beitrag von Ondina » So 16. Jun 2013, 14:02

Florecilla hat geschrieben:.

Mich wundert ein wenig, dass das Buch von Timur Vermes hier so gar keine Reaktion hervorruft. Oder hat es wirklich noch niemand gelesen?

Vielleicht ist das Forum ja auch nicht die richtige Plattform :-? aber dafür haben wir ja eigentlich die internationale Bücherecke ...
Ist als nächstes dran ... :d ;;)

Ondina

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Re: "Er ist wieder da"

Beitrag von rainer » So 16. Jun 2013, 16:08

Ich habe noch zu viele Zeitzeugen erlebt und gehört, um diesem Thema Lächerliches abgewinnen zu können,
nicht mal in Satireform.
Eine gute Geschäftsidee ist es wohl allemal, für Verfasser wie Verlag. Funktioniert ja.
Ich werde es nicht lesen, sondern mich an den Kommentar der "Süddeutschen" halten.
Gruß
rainer

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Re: "Er ist wieder da"

Beitrag von Florecilla » Mo 17. Jun 2013, 09:38

Für Hörbücher konnte ich mich bislang gar nicht begeistern, aber das Interview mit Christoph Maria Herbst hat mich neugierig gemacht. Danke für den Tipp, Susann. "Er ist wieder da" wird wohl mein erstes Hörbuch.

Ansonsten ist der von dir zitierten Kritik nicht viel hinzuzufügen. Man lacht über "Hitler", betrachtet das hier und heute durch "seine" Brille und bleibt am Ende mit gemischten Gefühlen ein bisschen verstört zurück. Das Hamburger Abendblatt trifft es ganz gut und beschreibt das Buch als beklemmende Satire.

Weiß jemand, wie die beschriebenen Politiker von heute auf die Darstellung ihrer Person reagiert haben?
Hasta luego,
Florecilla (Margit)

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Re: "Er ist wieder da"

Beitrag von benicalptea » Mo 17. Jun 2013, 10:37

Ich habe mir das Hörbuch reingezogen....ich konnte gar nicht mehr aufhören.
Ich fand es Weltklasse, bin eigentlich keine Leseratte oder Hörbuchfan, aber das fand ich toll. Bin über C.M. Herbst darauf gekommen, hatte was im YT gesucht und bin darauf gestoßen, da musste ich mir das Hörbuch holen.
Gruß Sascha
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Re: "Er ist wieder da"

Beitrag von Bartimaus » Di 18. Jun 2013, 09:20

Moin,

ich habe es auch gelesen, und hier: http://www.costa-blanca-forum.de/viewto ... mur#p87909

darauf hingewiesen. Ist wohl etwas untergegangen.

Ich habe mich auch schlappgelacht, für das Buch habe ich keine 2 Tage gebraucht.
Hörbücher interessieren mich nicht wirklich, habe dennoch in die CM-Herbst Version reingehört. Allerdings hat es mich darin bestärkt, selber weiterzulesen......

Klasse fand ich die Szene auf dem Oktoberfest......
LG

B.

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Re: "Er ist wieder da"

Beitrag von Marybell » Mi 19. Jun 2013, 19:49

Auch ich habe es gelesen und am besten hat mir gefallen,dass es in Deutschland heutzutage möglich ist so ein Buch zu veröffentlichen.
Das wäre sicher vor 20 Jahren noch gar nicht gegangen.
Mir blieb auch mehr als einmal das Lachen im Halse stecken,aber das Faszinierende für mich war doch das Thema aus dieser Perspektive zu beschreiben.
ciao Marybell

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